Es war einmal

Jul 17, 2015 | Employer Branding, Recruitingpraxis

… ein Mädchen, dem die Eltern geraten haben: „in der Schule schön brav sein, gut mitlernen, dann etwas studieren und du wirst immer einen guten Job haben, liebes Kind.“ Das Mädchen, nennen wir sie doch Anna, hat diesen Rat beherzigt. Anna’s Eltern hatten nicht viel Geld und so hat Anna gearbeitet, um das Studium zu finanzieren. Studiert hat sie übrigens BWL mit der Spezialisierung Personalmanagement. Und weil ihr das großen Spaß gemacht hat, hat sie Praktika in der Personalabteilung in drei unterschiedlichen Unternehmen gemacht. Bei dem letzten hat sie nach dem Praktikum begonnen zu arbeiten. Zuerst Teilzeit und als sie das Studium erfolgreich beendet hat Vollzeit. Ihre Aufgaben haben sich im Laufe der Zeit geändert. Begonnen hat sie damit die HR Kolleginnen einfach zu unterstützen, zum Beispiel im Bewerberinnenmanagement oder der Trainingsadministration. Dann wurde Anna’s Aufgabengebiet immer mehr erweitert und sie hat schließlich die Rolle der HR Business Partnerin übernommen. Um dafür noch besser gewappnet zu sein absolvierte sie (natürlich nicht in der Arbeitszeit) einen Lehrgang und eine Ausbildung im Arbeitsrecht. Anna war glücklich und fest davon überzeugt, dass sie hier bis an ihr Arbeitsende tätig sein werde.

Die Jahre vergingen und die Aufgaben änderten sich, ihr Job machte Anna nach wie vor Freude und war abwechslungsreich und herausfordernd. Doch eines Tages geschah etwas, dass Anna’s heile Arbeitswelt völlig zerstörte. Ihre Chefin bat sie um ein Gespräch und teilte ihr mit, dass sie sich besser nach einem anderen Job umsehen sollte. Nein, sie wurde noch nicht gekündigt aber dem Unternehmen, ihrem Unternehmen seit fast 10 Jahren, geht es finanziell schlecht. Die Folgen sind Aufnahmestopp und Budgetkürzungen. Anna war bestürzt und sehr traurig, aber sie machte sich keine Sorgen.

Sie hatte eine fundierte Ausbildung, langjährige Berufserfahrung und übte ihren Job mit sehr viel Engagement und Elan aus. Nun war ihr Job eben ein anderer, nämlich sich zu bewerben. Noch ohne Druck, da sie ja noch ein Dienstverhältnis hatte.

Im ersten Schritt setzte sie sich also noch am selben Abend vor ihr Notebook und begann in einer Online-Jobbörse nach ausgeschriebenen Jobs im HR Bereich zu suchen. Anna wurde ganz schnell fündig. Es gab einige interessante Jobangebote, aber eines hatte es ihr angetan. In derselben Branche in der sie bereits tätig war, das Anforderungsprofil könnte glatt ihr Lebenslauf sein. Voller Zuversicht investierte sie viele Stunden in die Gestaltung eines ansprechenden Lebenslaufs und die Textierung eines Motivationsschreibens.

Im Inserat waren eine E-Mailadresse (recruiting (at) firma.com), der Name einer Ansprechpartnerin und sogar eine Telefonnummer (mit Durchwahl) angegeben. Neben der E-Mailadresse gab es noch ein lustiges Icon mit dem Slogan „hier bewerben“. Anna wusste wie der Hase läuft und klickte daher brav auf „hier bewerben“, fest davon überzeugt, dass sie in nur wenigen Minuten die Bewerbung für ihren neuen Arbeitsplatz abschicken konnte.

Jetzt allerdings landete sie auf einer Seite, auf der sie alle möglichen Infos fand, nur nicht die ausgeschrieben Position und vor allem keine Möglichkeit, sich dafür zu bewerben. Gott sei Dank gab es im Inserat alternative Kontaktmöglichkeiten. Da es schon sehr spät war, verschob sie ihre erste Bewerbung seit vielen Jahren auf den nächsten Tag.

Frohen Mutes griff sie am nächsten Tag zum Telefon und wählte die Nummer, die im Inserat angegeben war. Die führte aber leider ins „Nichts“! So ein Tippfehler kann ja mal vorkommen, kein Problem. Anna wusste sich zu helfen und recherchierte die Telefonnummer. Zig Anrufe später war es ihr einfach nicht möglich, mit der im Inserat genannten Person zu sprechen. Inzwischen waren zwei weitere Tage vergangen und Anna beschlich das erste Mal das Gefühl, dass sie vielleicht nicht weiter Zeit und Energie für genau diese Stelle investieren sollte und sich lieber nach Jobs umsehen sollte, wo es ihr auch möglich war eine Bewerbung abzuliefern.

Allerdings hasste Anna unerledigte Dinge und dachte sich, vielleicht mache ich es ja unnötig kompliziert. Ich schicke meine Bewerbung einfach an die angegebene E-Mail Adresse. Die wird ja nicht ohne Grund angegeben sein. Gesagt, getan.

Anna wartete genau drei Wochen. Drei Wochen in denen keine Reaktion erfolgte, nicht einmal eine automatische Antwort, dass die Bewerbung eingelangt sei. Sie fasste sich ein Herz und versuchte erneut, die Kontaktperson telefonisch zu erreichen. Vergeblich. Sollte sie aufgeben? Nein, nicht Anna, sie blieb hartnäckig. Und schickte das Mail mit ihrer Bewerbung ein zweites Mal, mit der Information, dass telefonisch leider niemand erreichbar gewesen ist und sie per Mail um eine Rückmeldung bittet.
Am nächsten Tag erhielt Anna ein Mail mit folgender Antwort:
„Sehr geehrte Frau Anna,
vielen Dank für Ihre Anfrage. Für weitere Informationen besuchen Sie bitte unsere Website –
Recruitings werden ausschließlich über diese abgewickelt.
Mit
freundlichen Grüßen
Firmenname“

Man ahnt es bereits, wohin der Link auf die Website führte. Richtig, auf die Seite, wo zwar Jobs ausgeschrieben waren, aber nicht der HR Job, auf den sich Anna bewerben wollte. Und das unter „mit freundlichen Grüßen“ nur der Firmenname stand war wohl auch kein Versehen. Kein Name, keine Telefonnummer, nur wieder die bekannte Mailadresse.

Anna war verwirrt. Da gab es ein Unternehmen, dass Zeit und Geld für ein Stelleninserat investierte und es ihr (und vermutlich einigen anderen auch) einfach unmöglich machte, sich zu bewerben.

Das Ende der Geschichte? Anna beschloss, dass das keinesfalls ein Unternehmen ist, in dem sie selbst tätig sein möchte. Natürlich erzählte sie ihre Erfahrungen ihren Freundinnen und auch Arbeitskolleginnen. Und hat sich woanders beworben. Einfach per Mail.

Und spätestens jetzt wissen wir,

  • dass es sich hier nicht um ein Märchen sondern um eine wahre Begebenheit handelt
  • dass kaum jemand so hartnäckig ist wie Anna und vermutlich spätestens nach 2 Tagen
    aufgeben hätte.

Diese „Geschichte“ hat sich genau so zugetragen. Anna gibt es wirklich. Sie hat mir ihre Erfahrung geschildert und das E-Mail gezeigt. Ich habe nur alles aufgeschrieben. Und mir nichts davon ausgedacht. Weil das Leben bekanntlich die besten Geschichten von allen bereit hat. Bleibt zu hoffen, dass sich, wie im Märchen üblich, alles zum Guten wendet. Für Anna natürlich.

Und die Frage warum es tatsächlich Unternehmen gibt, die Geld für Inserate ausgeben, obwohl sie offensichtlich gar keine Bewerbungen haben möchten. Aber das ist eine andere Geschichte (oder?)!

Herzliche Grüße
Claudia

PS: Nicht vergessen, im Sommer erscheinen die Blogbeiträge alle 2 Wochen …

5 Kommentare

  1. Hilfreich ist es diese Firma namentlich zu outen, damit diese Firma an den Pranger kommt wo sie auch hingehört. Ich glaube vielmehr, die sammeln nur Adressen von “Arbeitslosen“ um mit diesem Potential Angebote auszuschicken, die ganz was anderes verkaufen wollen.

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    • Aus Gründen des Datenschutzes möchte ich die Firma nicht namentlich outen. Und da es keine Beratung sondern ein Unternehmen war denke ich eher nicht dass es ums Adressen sammeln ging. Meine Vermutung geht in Richtung "nicht getestetes Recruitingverfahren", leider sehr häufig der Fall!

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  2. Da die liebe Anna ihre Stelle in einer Onlinebörse recherchiert hat, wo in der Regel ein Anzeige für einen festgelegten Zeitraum gebucht wird und wo die Stelleausschreibungen in regelmäßigen Zeitabständen neu datiert weren, um in der Ergebnissliste wieder nach vorne zu rutschen, wird sie wohl auf eine Karteileiche gestoßen sein. Es ist davon auszugehen, dass die Anzeige veraltet war, wenn es ein eigenes Stellenportal auf der Webseite des Unternehmens gibt, in dem diese nicht aufgeführt wird. Das ist nicht schön, kommt aber häufiger vor.
    In den seltensten Fällen blocken Unternehmen telefonische Nachfragen so konsequent. Ein Anruf in der Zentrale, die Bitte ins Recruitment durchgestellt zu werden, weil man eine Frage zum Bewerbungsprozess habe, reicht in der Regel aus. Personaler sind Mitarbeiter mit sehr, sehr vielen Terminen, ständig in Meetings oder Bewerbungsgesprächen. Verständlicherweise, denn das ist ihr Job. Manchmal telefoniert man Ihnen zwei Wochen hinterher. Man sollte sich daher nicht auf eine Person festlegen, sondern nach alternativen Ansprechpartnern fragen. Oder über Xing etc. Mitarbeiter des HR-Teams namentlich recherchieren und über die Zentrale verbinden lassen. Sollte Anna wirklich auf eine Karteileiche gestoßen sein, ist es auch durchaus möglich, dass der ganannte Ansprechpartner das Unternehmen zwischenzeitlich verlassen hat. Gerade bei großen Unternehmen können die Mitarbeiter der Zentrale nicht alle namentlich kennen.
    Ich verdiene mein täglich Brot damit für Kunden genau solche Rechercheanrufe zu tätigen. In der Regel stößt man bei den Unternehmen auf offene Ohren un dhilfbereite Mitarbeiter. Mit der Zeit entwickelt man aber auch Strategien um selbst die hartnäckigste Firewall am Empfang zu umgehen.
    Ich möchte damit nur sagen, dass die Geschichte von Anna kein allgemeingüültiges Beispiel ist, sondern sicher eine Verkettung aus unglücklichen Umständen gepaart mit Unerfahrenheit in dieser Branche. Denn wie wir gelesen haben, war dies für Anna die allererste Bewerbung seit mindestens zehn Jahren.

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    • Danke Jobsearcher für die ausführliche Aufzählung aller möglichen Ursachen. Ein paar davon können ausgeschlossen werden (es war z.B. eine Bewerbungsfrist angegeben und die war aktuell) aber andere könnten durchaus zutreffen. Und ja, im Recruiting ist man den grössten Teil des Tages in Gesprächen oder Telefonaten, geht mir nicht anders. Umso wichtiger ist es dann aber, das man Bewerberinnen andere Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme und z.B. eben auch die Möglichkeit eines Rückrufes bietet.
      Und allgemeingültige Beispiele gibt es sowieso nicht, das werde ich nicht müde zu erwähnen 😉
      Und wenn man das beruflich macht gibt man (natürlich) nicht so schnell auf, Bewerberinnen haben nur sehr oft schon einen Job und suchen "nebenbei" – kein Wunder, dass man dann einfach nicht jede Hürde in Kauf nimmt und vielleicht eher dort die Bewerbung hinschickt, wo es einem leicht gemacht wird.

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