Motivationsschreiben: Auch im Jahr 2022 völlig überflüssig 

Apr 15, 2022 | Allgemein

„Hiermit bewerbe ich mich…“ Wenn du als Recruitingverantwortliche diesen Satz im Motivationsschreiben noch nie gelesen hast, melde dich bitte bei mir. Ich vermute eher, du hast ihn schon tausendfach gelesen – und bist selbst schuld. Ein Plädoyer für die Abschaffung des Motivationsschreibens. Eigentlich schon das dritte seit dem Jahr 2015, aber der Reihe nach.

Hinweis: dieser Blogbeitrag erschien zuerst als Artikel auf WIRTSCHAFTSPSYCHOLOGIE HEUTE in Zusammenarbeit und Vertretung der Recruiting Rebels

Immer noch sehe ich in Jobinseraten die Aufforderung: „Bitte senden Sie Ihren Lebenslauf und ein aussagekräftiges Motivationsschreiben an …“. Und schon sind wir mitten drin im Dilemma: Was ist denn ein aussagekräftiges Motivationsschreiben? Und wofür brauche ich das? Hilft mir das tatsächlich, um im Recruiting eine gute Entscheidung treffen zu können? Spoileralarm: Nein, das tut es nicht! 

claudia lorber recruiting giphy m

Ursprünglich als Ergänzung zum Lebenslauf gedacht, war es die Intention, mit dem Motivationsschreiben aus der Masse der Bewerbungen herausstechen zu können. Außerdem hatten Jobsuchende so die Möglichkeit, detailliert auf bestimmte Aspekte in ihrem Lebenslauf einzugehen. Eigentlich also eine gute Sache. 

Wenn wir noch im Jahr 2000 wären und im Recruiting alle Hände voll damit zu tun hätten, zwischen Hunderten von Bewerbungen den passenden Kandidaten für eine offene Stelle auszuwählen 😉 Das ist aber längst nicht mehr der Fall. Heute sind die meisten froh, wenn sie überhaupt Bewerbungen bekommen. 

Wer nach „Motivationsschreiben“ googelt (und das tut sicher jede oder jeder, die oder der als Bewerbender brav alle „Anforderungen“ erfüllen möchte), dem schlägt Google sofort etliche Seiten mit Mustern, Vorlagen, Tipps und Tricks für das ideale Motivationsschreiben vor. Da heißt es dann zum Beispiel: Das Motivationsschreiben bildet den persönlichsten Teil deiner gesamten Bewerbung. In diesem Zusatztext kannst du deine im Lebenslauf aufgelisteten Kompetenzen noch einmal betonen und illustrieren. Und du kannst dein Interesse am Unternehmen mit deiner Persönlichkeit und deinen Alleinstellungsmerkmalen verknüpfen. 

Doch damit tun sich viele schwer. Auch mir wird in meinem Freundes- und Bekanntenkreis daher immer wieder die Frage gestellt: „Was soll ich eigentlich in dieses Motivationsschreiben schreiben, kannst du mir da bitte helfen?“ 

Ganz ehrlich, das kann ich nicht. Weil ich ein Motivationsschreiben für völlig überflüssig halte. Und das schon seit dem Jahr 2015! Da habe ich das zum ersten Mal auf meinem Blog thematisiert und dann im Jahr 2018 nocheinmal.

Was soll es bringen, sich eine Begründung auszudenken, wenn man einfach nur einen Job braucht? Und was hilft es, wenn die Jobsuchende schreibt, dass sie das Unternehmen schon immer bewundert hat? 

Drehen wir den Spieß doch einmal um: Was motiviert dich als Recruiter:in eigentlich dazu, ein Motivationsschreiben zu verlangen? Bitte zutreffende Antwort (zumindest gedanklich) ankreuzen: 

  1. Du möchtest überprüfen, ob die Bewerbenden in der Lage sind, eine Aufgabe zu erfüllen (Senden Sie Ihren Lebenslauf, aussagekräftiges Motivationsschreiben und Zeugnisse an …) 
  1. Du kennst es nicht anders (Das haben wir immer schon so gemacht) 
  1. Du erhoffst dir darin Informationen, die du im Lebenslauf nicht findest 
  1. Du weiß es selbst nicht 
  1. Du hättest gerne eine Arbeitsprobe.  

Schauen wir uns die unterschiedlichen Möglichkeiten einmal an: 

  1. Wenn das Motivationsschreiben selbst keinen Zweck erfüllt, sondern die Absicht dahinter nur die Überprüfung ist, ob die Bewerbenden die Anforderung „Genauigkeit“ erfüllen, wäre es sinnvoller über den Einsatz von entsprechenden eignungsdiagnostischen Verfahren im Recruitingprozess nachzudenken.  
  1. Recruiting hat sich in den letzten Jahren definitiv verändert. Wir agieren nicht mehr in einem Arbeitgeber:innen-, sondern in einem Arbeitnehmer:innenmarkt. Also gilt: Möglichst alle unnötigen „Hürden“ im Bewerbungsprozess beiseite räumen. 
  1. Welche Informationen hättest du denn gerne? Soweit ich weiß, können die meisten Menschen nicht hellsehen. Wer Informationen möchte, muss daher danach fragen. Das lässt sich in den meisten Bewerbungsmanagement-Systemen auch wunderbar einrichten. So können z.B. am Beginn des Online-Bewerbungsprozesses drei konkrete Fragen eingefügt werden. Ist kein System vorhanden, können diese schon im Jobinserat angeführt und um entsprechende Beantwortung gebeten werden.  
  1. Ja wer soll es denn dann wissen? 
  1. Ein Motivationsschreiben ist keine Arbeitsprobe. Die solltest du explizit verlangen, wenn es der Job erfordert. 

Also hinterfrage, welchen Nutzen das Motivationsschreiben für dich wirklich hat. Keinen? Dann beharre auch nicht weiter drauf. Damit tust du dir selbst und den Jobsuchenden einen Gefallen und bekommst vermutlich sogar mehr Bewerbungen. 

Motivationsschreiben abschaffen – damit Recruiting wieder einfach wird. 

Herzliche Grüße 

Claudia 

P.S. Möchtest du einfach und ganz ohne ein Motivationsschreiben zu verlangen die richtigen Mitarbeiter:innen finden? Dann werde Teil der Recruiting Insider Community, der erfolgreichsten Plattform für Recruitingverantwortliche in Österreich.

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