Humor im Recruiting: unseriös oder Wettbewerbsvorteil?

Okt 30, 2015 | Gastbeitrag

Darf im Recruitinggespräch gelacht werden? Dieser Frage bin ich mit Marie Osterbauer-Hofer nachgegangen. Unsere einhellige Antwort vorweg: es darf nicht nur gelacht werden, es MUSS! Aber ein paar Dinge sollte man beachten. Welche sind im aktuellen Gastbeitrag nachzulesen.
Herzliche Grüße und viel Spaß
Claudia

Start with a smile …
Längst weiß man: Humor ist ein überlebenswichtiger Resilienzfaktor für uns Menschen und die vielfältigen positiven Auswirkungen des Lachens sind zwar in aller Munde – doch leider noch lange nicht in allen Unternehmen zu finden. Aber hat Humor im Recruitingprozess überhaupt etwas verloren? Wirkt man nicht unseriös, als RecruiterIn, als BewerberIn, als Führungskraft, als Unternehmen, wenn man sich traut, humorvolle Elemente bewusst einzusetzen?

Seriös versus souverän?
Genau das Gegenteil ist der Fall, Humor wird als Zeichen von Souveränität und gesicherter Position wahrgenommen, hebt von der Masse ab, wirkt attraktiv und interessant. Gemeint ist hier natürlich nicht schenkelklopfende Heiterkeit und irritierende Blödeleien beim Bewerbungsgespräch (obwohl es dazu ein wirklich sehr erheiterndes Video von Monty Python gibt bzw. findet man auch ein paar Beispiele in diesem Beitrag), nicht in erster Linie das launige Erzählen von Anekdoten und Witzen und schon gar nicht sarkastische Bemerkungen über die Schwächen von BewerberInnen oder die Höhe des gebotenen Gehaltes 😉

Was heißt „humorvoll“?
Humor ist hier
  • die heiter-gelassene Gemütsverfassung aller am Recruitingprozess Beteiligten, sichtbar in lebendiger Kommunikation, wertschätzend-wohlwollender Haltung, respektvollem aber auch durchaus augenzwinkerndem Umgang miteinander und dem konsequent positiv-realistischen Fokus
  • angereichert mit dem Mut, überraschende Facetten zu zeigen, Selbstironie und Wortwitz spielerisch einfließen zu lassen und ansteckendem Optimismus.
Zusammengefasst beschreibt Humor damit eine essentielle soziale Kompetenz, die niemals als Ersatz, sondern immer als Ergänzung zur fachlichen Qualifikation gesehen werden soll und die die Grundlage für Arbeitsfreude und gelingende Zusammenarbeit ist.

In den Online-Partnerbörsen ist „humorvoll“ eine der meistgewünschten Eigenschaften, die man sich vom potentiellen zukünftigen Lebenspartner erwartet. Der Wunsch nach einem humorvollen Gegenüber ist sicher nicht nur auf das Privatleben beschränkt. Und was ist Recruiting viel anderes, als die Suche nach Menschen, die zu den Menschen (und natürlich Aufgaben) des eigenen Unternehmens passen? Warum sollte da Humor plötzlich im Zusammenleben und –arbeiten keine Rolle mehr spielen? Oft sind die besonders humorlosen Führungskräfte oder eine völlig humorbefreite Unternehmenskultur die ausschlaggebenden Gründe, warum Menschen ein Unternehmen schnell wieder verlassen.

Und Humor ist im Hinblick auf die Generation Z, also die Anfang der 90er Geborenen, verstärkt ein Thema, denn für diese jungen Talente macht neuesten Studien zufolge der Wohlfühlfaktor am Arbeitsplatz über 30% ihrer Arbeitszufriedenheit aus. Für sie sind Unternehmen attraktiv, die sich von Anfang an trauen, sich zu einer humorvollen und lebensbejahenden Unternehmenskultur zu bekennen.

Aber anstatt in Inseraten richtig Lust auf´s Arbeiten zu machen, findet man meist distanzierte Standardformulierungen, nüchterne Aufzählung von Anforderungen und gebotenen Konditionen –keinerlei Hinweis darauf, dass die Arbeit bzw. die Zusammenarbeit auch Spaß machen soll und v.a. Spaß machen DARF, sondern Ernsthaftigkeit im Endstadium! Und da stellt sich natürlich die Frage: Wer will schon wo arbeiten, wo er nichts zu lachen hat?

Tipp: Hier kann man sich viel von den Werbestrategen abschauen, die Humor erfolgreich in der Vermarktung der Produkte einsetzen – warum also nicht auch das eigene Unternehmen humorvoll anpreisen? Mit Wortwitz in den Formulierungen, mit augenzwinkernden Hinweisen, dass die WunschkandidatInnen gerne Ihren Humor mitbringen und einbringen dürfen, mit sorgfältig positionierten Überraschungsmomenten – auch hier nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zum notwendigen Informationsgehalt eines Inserates.

Humorvoll bewerben?
Doch schauen wir mal auf die andere Seite, nämlich auf die BewerberInnen. Die Rahmenbedingungen für „humorvolles Bewerben“ sind nicht gerade günstig, denn damit Humor auch positiv wirksam werden kann, brauchts ein paar wichtige Voraussetzungen:
– (Selbst-)Sicherheit bzw.
– die Sicherheit einer etablierten Beziehungsebene,
– wertschätzende Begegnung auf Augenhöhe und
– Mut zur Authentizität, d.h. sich in allen Facetten zu zeigen.

Wenn sich  nun die BewerberInnen als Bittsteller verstehen oder erleben, fehlt natürlich die notwendige Leichtigkeit, und sie trauen sich nicht, sich im Motivationsschreiben oder dann im Bewerbungsgespräch auf ihre Art humorvoll zu zeigen – schließlich will man ja nix riskieren und keinen „schlechten Eindruck“ hinterlassen. Also entschließen sie sich, möglichste distanziert und neutral zu wirken und riskieren damit auch viel, nämlich keinen besonderen Eindruck zu hinterlassen.

Tipp: Wer sich traut, auf seine ganz spezielle Art (!) humorvoll zu sein, ungewöhnliche Formulierungen zu verwenden, augenzwinkernd über die eigenen Macken zu sprechen und den GesprächspartnerInnen schon im Bewerbungsgespräch mit gnadenlosem Optimismus überrascht, wird in Erinnerung und im Gespräch bleiben.

Humorvoll recruitieren – ja dürfen´s denn das?
Schließlich sind es natürlich die RecruiterInnen, intern oder extern, die den „Humorgehalt“ des Recruitingprozesses maßgeblich beeinflussen. Hier gilt – sie sollten richtig Spaß an ihrer Arbeit haben, denn wenn man etwas mit Freude, Hingabe und Begeisterung tut, dann ist Erfolg unvermeidlich und allen ist es eine Freude miteinander zu arbeiten.

Sie haben es in der Hand, ein vertrauensvolles Gesprächsklima zu schaffen, damit die BewerberInnen sich öffnen können. „Start with a smile – end with a smile!“ ist das Motto, das nicht nur für Bewerbungsgespräche gelten sollte! Nicht Defizitorientierung, sondern ganz viel Ressourcenblick und positive Bewertung der individuellen Möglichkeiten führen automatisch zu einer humorfördernden Atmosphäre.

Absolutes No-Go: Bei Absagen ist klare und eindeutige Kommunikation gefragt, hier hat der „Scherz auf den Lippen“ nichts verloren, sondern führt nur zu Missverständnissen oder dass sich BewerberInnen nicht ernst genommen fühlt.

Wie aber erkennt man nun als RecruiterIn, wieviel Humorkompetenz die KandidatInnen mitbringen? In den USA wird diese Kompetenz für Führungsebenen schon lange im Auswahlprozess abgefragt, offene Diskussion der Lebenseinstellung und systemische Fragen rund um das Thema haben sich dabei bewährt.

Fragen zur Humorkompetenz: Wenn Sie einen schlechten Tag haben, womit schaffen Sie es, sich wieder in einen energievollen/heiteren Zustand zu versetzen? Wer in Ihrem Bekannten- und Freundeskreis würde Sie als humorvoll bezeichnen und warum? Wie könnten Sie gute Laune und positives Arbeitsklima in Ihrem Team fördern (oder alternativ verhindern ;-)? Wie gehen Sie mit Misserfolgen um, wann können Sie wieder drüber lachen?

Fazit: Humor im Recruiting erhöht den Fun-Faktor bei allen Beteiligten, denn Humorkompetenz ist auf allen Seiten gefragt – und zwar jeder auf seine Art. Und wer ganz auf Nummer sicher gehen will: Start and end with a smile 🙂


claudia lorber recruiting Marie
Mag. Marie Osterbauer-Hofer, www.oho-consulting.at, ist seit über
15 Jahren Unternehmensberaterin, Coach und Trainerin, diplomierte
Humorberaterin mit dem Schwerpunkt Führungskräfteentwicklung und –training (Kommunikation, Team, Motivation, Führungsinstrumente) und Keynote Speaker und Impulsvortragende zum Thema Freude/Spaß/Humor im Arbeits-bzw. Führungsalltag oder beim Bewältigen von Veränderungen. Ihre
Spezialthemen sind provokative Systemarbeit in Beratung und Coaching,
Kreativität und Improvisation als Problemlösungskompetenz, Lust & Leichtigkeit im Arbeitsalltag, WorkshopWanderungen, Rituale und Kreativitätstechniken und Humorberatung.

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